Rodolfo Ivan Ballesteros

Rodolfo Ivan Ballesteros, Chile. Wohnort heute: Hannover

Die Solidarität mit den Flüchtlingen aus Chile

Rodolfo Ivan Ballesteros floh 1974 vor der Gewalt des Pinochet-Regimes in Chile. Trotz vieler Unterstützung brauchte der junge Mann einige Jahre zum Ankommen. Im Vergleich zur Situation heutiger Flüchtlinge sei seine Flucht privilegiert gewesen, sagt Ballesteros. Die heutigen Fluchtursachen sieht er in dem System, das auch Chile mit der Diktatur Pinochets übernahm – und das das Land bis heute beherrscht: dem Neoliberalismus, der Konsum anstelle von Solidarität stelle.

Die Flucht von Ivan Ballesteros klingt einfach: Er geht in die Deutsche Botschaft von Santiago, der Hauptstadt Chiles. Er darf bleiben, bekommt Ausweisdokumente und wird nach ein paar Wochen mit einem Wagen zum Flughafen gebracht. Kein Schlauchboot, keine Lager im Wald, keine Grenzzäune, keine prügelnden Grenzschützer. Und doch ist es eine Flucht, als Ivan Ballesteros im Januar 1974 seine Heimat Chile verlässt. Denn weil er sich gegen die Diktatur von Augusto Pinochet engagiert, ist sein Leben in Gefahr.

Die Militär-Junta ist vielen im Westen willkommen

Ein Jahr vor dieser Flucht ist Chile unter Salvador Allende noch eine liberale Insel inmitten von vielen Diktaturen Lateinamerikas. Es ist ein auch von vielen Linken in Deutschland sehnsuchtsvoll betrachtetes Projekt. Allende hatte etwa Kupferminen verstaatlicht, um seine Bürger*innen an den Reichtümern des Landes teilhaben zu lassen. Die Folge: Staaten wie die USA stoppten ihre Finanzhilfen, weil Allende die Ausbeutung des Landes beendet hatte. Viele politisch Verfolgte, Intellektuelle aus Brasilien, Argentinien oder Paraguay suchten in dem Land Zuflucht. Dann kam der Putsch, Allende stirbt, eine Militär-Junta unter General Augusto Pinochet übernimmt die Macht. Das neue Regime startete eine gnadenlose Kampagne auch gegen die Linken des Landes und die zugereisten Genossen, viele Menschen wurden gefoltert, ermordet oder zur Flucht gezwungen. Um die Macht zu festigen und sich selbst zu bereichern, öffnete sich das Regime den westlichen Staaten und transnationalen Konzernen. Hochrangige deutsche Politiker besonders von CDU und CSU, unter ihnen Franz Josef Strauss, lobten Pinochet für seinen Kampf gegen den Kommunismus und schlossen munter Wirtschaftsverträge mit dem Diktator ab.

Mit dem Auto der Eltern: Fluchthilfe für Intellektuelle in Chile

Ivan Ballesteros, geboren und aufgewachsen in Santiago, geht zum Studium ins südlich der Hauptstadt gelegene Valparaiso. Alle Studierenden, auch er, der das Fach Landwirtschaft belegt hat, finden sich zu Beginn im Pflichtfach Ethik ein. Ein linker Priester lehrt das Fach, und er versteht sich mit den Studierenden um Ballesteros auf Anhieb. Einige Studierende, denen er besonders vertraut, bitte er um Hilfe. Denn der Priester organisiert die Flucht für die zugereisten Intellektuellen aus den Nachbarstaaten, die in Chile nicht mehr sicher sind. Also holt Ivan Ballesteros das Auto der Eltern aus Santiago und fährt mit seinen Freunden immer wieder von Valparaiso in die Hauptstadt, um die Gefährdeten zu verschiedenen Botschaften zu bringen. Sein Vater war kein Linker, sagt er, aber liberal, er hat es wohl geahnt, dass der Sohn mit dem Wagen etwas im Verborgenen tut. Er hat ihn gelassen. Das Prozedere ist von Vorsicht geprägt. Sie fahren zu einer Botschaft, haben eine in der Mitte zerrissene Seite eines Notizheftes dabei, als Zeichen. Am Eingang der Botschaft muss die andere Hälfte sein, dann ist alles in Ordnung. So bringen sie viele Intellektuelle in die Vertretungen verschiedener Staaten.

Ballesteros ist zu dieser Zeit kein landesweit bekannter Studierendenanführer, er fürchtet sich nicht vor der Staatsmacht. „Ich war 21, da hat man keine Angst“, sagt er heute. Mitte Dezember 1973 erfährt er dann aber, dass man in Valparaiso nach ihm sucht. Es wird brenzlig. Der Priester, der Verbündete, knüpft nun auch für den jungen Fluchthelfer Kontakte. Ballesteros geht zur deutschen Botschaft, bittet um Asyl und wird in einen Raum im Botschaftsgebäude geführt. Dort bleibt er für einige Wochen, mit anderen Asylbewerbern.

Der deutsche Staat ist misstrauisch. Asylbewerber aus Chile, die vor dem Regime fliehen, sollen nur in SPD-geführte Bundesländer unterkommen. In der Botschaft in Santiago werden die Chilenen von Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes und des Verfassungsschutzes befragt, so erinnert sich Ballesteros. „Meine Flucht war einfach“, sagt er. Die Botschaft stellt ihm einen sogenannten Fremdenpass aus, ein Diplomatenfahrzeug fährt ihn zum Flughafen, dort besteigt er eine Maschine, die einige Stunden später in Frankfurt landet. In Frankfurt muss er sich entscheiden, ob er dort bleiben oder nach Hannover weiterreisen möchte. Die Wahl fällt auf Hannover, weil dort Einzelzimmer auf die Chilenen warten.

„Wir Chilenen waren privilegierte Flüchtlinge“

In Hannover werden die etwa 100 Chilenen von Bürgermeister Herbert Schmalstieg empfangen, Mitarbeiter*innen der Verwaltung drücken jedem Ankommenden 100 D-Mark in die Hand. Ballesteros bezieht sein Zimmer in einem Hotel in der Podbielskistraße unweit dem Firmensitz von Bahlsen. Ivan Ballesteros hatte sich vor der Flucht keine Gedanken um Deutschland gemacht, ihm war klar: Ich gehe zurück nach Chile. Hier angekommen, dachte er, dass man ihm wohl einen Job in einer Fabrik zuweisen würde. Stattdessen bekam er erst einen neunmonatigen Sprachkurs in Lüneburg und dann ein Gewerkschaftsstipendium für die Universität. „Wir Chilenen waren privilegierte Flüchtlinge“, sagt Ballesteros. Peter Brückner, eine zentrale Figur der Linken in Deutschland zu dieser Zeit, besorgt Ballesteros bald ein Zimmer in einer Studierenden-WG. Der erinnert sich noch an den ersten Blick ins neue Zuhause. „Da waren überall Bücher, nur die Fenster und Türen waren frei.“ Er will Deutsch lernen, die Bücher lesen, will sich ausdrücken können, den Menschen hier in deren Sprache von der Lage in seinem Land erzählen.

Aber so richtig wohl fühlt er sich nicht. Also geht er erst nach Frankreich, fühlt sich auch dort unwohl. Geht nach Spanien, und fühlt sich unwohl. Ballesteros merkt: Es liegt an mir, nicht an den Ländern oder den Menschen. Also geht er zurück nach Deutschland und beginnt dort ein Bauingenieursstudium. Alle seine Genoss*innen hatten sich für geisteswissenschaftliche Fächer eingeschrieben. „Politik kann ich auch Zuhause studieren“, sagt Ballesteros. Er will einen Job, mit dem er auch in Lateinamerika arbeiten kann.

Die deutsche Arbeiterschaft zeigt Solidarität mit Chilenen

In den Semesterferien arbeitet er bei Volkswagen und Hanomag. Als ein Vorarbeiter bei VW hört, dass er vor dem Regime in Chile geflohen ist, nimmt er ihn zur Seite: Er müsse hier nichts machen, solle ruhig seine Bücher mitbringen. Ballesteros nimmt ihn beim Wort, übernimmt Doppelschichten von 6 bis 23 Uhr, und verdient genug Geld fürs ganze Jahr. Die Solidarität der Arbeiter mit den linken Chilenen, sie wird durch solche Anekdoten deutlich.

Nach dem Studium beginnt der Mann, der sich immer für Physik begeistert hatte, bei einem Unternehmen in der Erdöl- und Gasbranche. Er analysiert die Daten, schafft Grundlagen für das Finden und Ausbeuten von Vorkommen auf der ganzen Welt. Der Job führt in nach Libyen, Venezuela, Mexiko, Argentinien, Brasilien, Kolumbien und Australien, an manchen Orten bleibt er für Jahre. Er heiratet erst eine Deutsche, hat mit ihr vier Kinder. Seine zweite Frau ist ebenfalls 1974 aus Chile nach Deutschland geflohen. Ihre zwei Kinder sind auch zu Ballesteros' Kindern geworden. Es sind auch und gerade die Kinder, die die beiden merken lassen: Deutschland ist unsere Heimat.

Nach Chile führt die Arbeit Ivan Ballesteros nicht. Der Kontakt in die Heimat war aber nie abgerissen. Einige Male besuchte er das Land, auf inoffiziellen Wegen, mit inoffiziellen Aufträgen, nur so viel möchte er sagen, denn dort wurde er immer noch gesucht. Und auch nach der Amnestie 1984, als viele Ausgereiste Straffreiheit zugesichert bekamen, ist eine Reise nach Chile für Ballesteros nicht gewöhnlich. Sein Onkel, Chef eines Fernsehsenders, lässt ihn am Flughafen mit einem Kamerateam empfangen. So hätte die Welt wenigstens den Beweis, dass er im Land angekommen ist, falls er verschwinden sollte, wie so viele Chilenen, die man folterte und irgendwo verschwinden ließ.

Neoliberalismus steckt hinter vielen Fluchtursachen

Ivan Ballesteros weiß heute gar nicht mehr genau, was er sich bei seiner ersten offiziellen Rückkehr erhofft hatte. Er merkt: Die Gesellschaft hat sich verändert, die Freund*innen und Genoss*innen sind entweder im Exil oder tot. Aus dem Versuch unter Allende, eine andere Gesellschaft zu erreichen, öffnete sich das Land unter Pinochet dem Neoliberalismus. Wo früher die Landbevölkerung in Subsistenz lebte, standen nun riesige Eukalyptusplantagen, vor den Küsten wurden in großem Stil Lachse für den US-Markt gezüchtet – während die chilenischen Fischer*innen arbeitslos wurden. Und die lokalen Märkte wiederum wurden überschwemmt mit billigen Lebensmitteln aus den USA, die vielen Landwirt*innen die Existenz unmöglich machten. Der Kapitalismus war im Land angekommen – und er bildete hier und in anderen Staaten Lateinamerikas und der Welt den Grundstein für viele Fluchtursachen, so sieht es Ballesteros. Heute seien in vielen Staaten Lateinamerikas große Teile des Lebens privatisiert, darunter Bildung und das Gesundheitssystem. Mit dramatischen Folgen. „Wenn du in Mexiko arm bist, wirst du im Krankenhaus nicht behandelt“, sagt Ballesteros.

Gegen diese Übernahme des Kapitalismus engagiert sich Ivan Ballesteros bis heute politisch, ist im 3WF aktiv, einem Forum für eine gerechte Weltordnung, das aus der Lateinamerika-Unterstützung hervorgegangen ist. Wenn er beruflich in Lateinamerika ist, hilft er linken Gruppen, wann immer es die Arbeit zulässt, hat Kontakt zu den Zapatisten in Chiapas. Seit einigen Jahren ist er auch hier in der Flüchtlingshilfe aktiv. Die Geflüchteten lassen ihn auch immer wieder an seinen eigenen Weg denken. „Die Flüchtlinge heute erfahren nicht viel Solidarität, weil die Gesellschaft insgesamt weniger solidarisch ist als etwa in den 70er Jahren“, sagt Ballesteros. Dabei sei es doch das kranke System, das diesen Menschen die Lebensgrundlage entziehe.

Text: Gerd Schild