Begegnungsreise und internationale Tagung

Vom 21.November bis zum 3. Dezember 2006 waren fünf internationale Gäste aus Tansania, Brasilien und Ungarn zu Gast beim Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e. V.. Sie führten einen regen Austausch mit Vertretern des niedersächsischen Zuckersektors und mit entwicklungspolitischen Organisationen über die Auswirkungen der EU-Zuckermarktreform in Nord und Süd. Mit ihren Eindrücken aus Niedersachsen diskutierten sie abschließend auf der internationalen Tagung „Zucker – Süßer Stoff gegen Armut?“ am 1. und 2. Dezember in Hannover mit 70 Interessierten aus dem Agrarsektor und aus der Entwicklungspolitik.
Was Reuben Matango, Präsident der MTIBWA Outgrowers Associaton am meisten beeindruckte, als er im November im Rahmen der internationalen Begegnungsreise des VEN durch Niedersachsen tourte, war die Maschinerie der Landwirte und die gut ausgebaute Infrastruktur. Kein Wunder! Auf der abschließenden Tagung „Zucker – Süßer Stoff gegen Armut“ konnte man ihn berichten hören, unter welchen Bedingungen Zuckerrohr in Tansania angebaut wird und was fehlende Infrastruktur zur Folge hat. Zu den Regenzeiten sind in Tansania Wege teilweise nicht passierbar. Für den Transport des Zuckers aus dem Inland zum nächstgelegenen Hafen entstehen hohe Transportkosten. Hinzu kommen teilweise kostenintensive Produktionsstrukturen.
Über die Everything-but-arms-Initiative (EBA), die eigens zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung für die ärmsten Länder der Welt durch die EU im Jahre 2001 ins Leben gerufen wurde, und durch das AKP-Zuckerprotokoll hat Tansania bisher 22.000 Tonnen Zucker pro Jahr in die EU geliefert und so Deviseneinnahmen von 11,5 Mio. Euro erzielt. Die Zahlen in einer der wichtigsten Zuckerregionen in Morogoro in Tansania belegen eindeutig, dass der Zuckersektor zum Abbau der Armut in der ländlichen Bevölkerung beigetragen hat. Von 1997 bis 2004 hatte sich die Zuckerproduktion fast verdreifacht, und damit einhergehend ist auch die Zahl der Bauern, die weniger als 24 $ im Monat verdienen, von 65 - Prozent auf 22 Prozent gesunken. Krankenhäuser, Schulen und Straßen sind entstanden. All diese Fortschritte, so Reuben Matango, sind nun durch die neue EU-Zuckermarktordnung und die damit verbundene Preissenkung in Frage gestellt. Die Produktionspreise zuzüglich der hohen Transportkosten machen nun nach Umsetzung der neuen Marktordnung die Lieferung von Zucker in die EU für Tansania unrentabel. Was Armut bedeutet, führt Reuben Matango immer wieder an, können wir uns hier im Norden nur schwerlich vorstellen. Aus seiner Sicht hat die EU-Politik versagt. Sie hat mit der Verabschiedung der Reform die Hilfestellungen für arme Länder in der Welt – wie die zollfreie Einfuhr von Waren in die EU durch die EBA-Initiative – in Punkto Zucker außer Kraft gesetzt. Und gerade Zucker ist für die Armutsreduzierung in Tansania und auch anderen Entwicklungsländern enorm bedeutungsvoll.
Doch es gab durchaus Kontroversen auf der Tagung mit Vertretern aus der norddeutschen Zuckerindustrie, den Bauernverbänden, Vertretern aus der Wissenschaft und aus der Entwicklungspolitik und von Nichtregierungsorganisationen. So wurde die Preissenkung für die AKP-Staaten auch als ein Schritt in die richtige Richtung bewertet. Wie in Mauritius entstanden durch die hohen Abnahmepreise der EU (dreimal so hoch wie der Weltmarktpreis) Monokulturen, die auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig sind und langfristig einseitige Abhängigkeiten geschaffen haben, so Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Einig war man sich darüber, dass ein System der alten Zuckermarktordnung auf dem heutigen Weltmarkt keinen Bestand mehr haben kann. Subventionierte Waren der EU auf dem Weltmarkt dürfen insbesondere den armen Ländern nicht die Preise kaputt machen. Einig war man sich auch in der Frage, dass Sozial- und Umweltstandards beim Anbau von Zuckerrohr und -rüben eine viel wichtigere Rolle spielen müssen als bisher. Tiago Thorlby berichtete als Vertreter der Landpastoral aus Brasilien von den verheerenden Folgen der enormen Ausweitung des Zuckerrohranbaus in Brasilien zur Zucker- und Ethanolproduktion. Die alten feudalen Großgrundbesitzerstrukturen im Nordosten Brasiliens erhalten Auftrieb. In dieser Region zählen lediglich 19 Familien zu den Profiteuren. Die Landpastoral setzt sich seit Jahren für die zahlreichen Landlosen in diesen Gegenden ein und spricht auch von erschreckenden Einschnitten im Umweltbereich. Der Gewinn, den der Ausbau von fast 90 neu entstehenden Zucker- und Ethanolfabriken mit sich bringt, so Tiago Thorlby, bleibt nicht bei der ländlichen Bevölkerung hängen.
Die Tagung lieferte einen ersten Überblick über das komplexe Thema. Die Auswirkungen der Reform sind erst in Anfängen zu spüren und werden auch in Europa noch zu schärferen Auseinandersetzungen führen. Ob das Konzept der EU aufgeht, die Überproduktion durch die jetzige Reform der Quoten- und Preisreduzierungen einzudämmen, ist bisher noch nicht abzusehen. Tagung und Begegnungsreise wurden mit Unterstützung der Kommission der Europäischen Union, des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dem Evangelischen Entwicklungsdienst und dem Bistum Hildesheim realisiert.
Dokumentation
hier finden Sie die Dokumentation zur internationalen Tagung „Zucker – Süßer Stoff gegen Armut?“ und zur Begegnungsreise im Dezember 2006. Download
Kontakt
Katrin Beckedorf
Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V. (VEN)
Tel.: 0511 – 390 88 980
Fax: 0511 - 391675
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